Vielen Dank für deine sehr gute Analyse!
Zwar bemüht man sich im Training alle möglichen Situationen des Spiels zu simulieren, aber der Keeper einer Nationalmannschaft ist eben in einer anderen Situation als im Heimatverein, wo er die Stärken und Schwächen seiner Abwehrkollegen kennt und in seine Aktionen einbinden kann. Dies ist auch keine neue Erkenntnis, denn es wird schon seit einer Reihe von Jahren probiert, in Blöcken zu spielen. Aber in einem Umbruch ist es normal, dass man andere Varianten (hier mit Rüdiger) probiert. Das war auch schon zu Lehmann`s Zeiten so!
(In einem früheren Thread wurde bereits angemerkt, dass die Top-Clubs der Championsliga sicherlich auf einem höheren Niveau spielen als es heutzutage die Nationalmannschaften vermögen, weil man intensiver auf denkbare Varianten trainieren kann.)
Selbst Manuel hat nach dem Spiel eingeräumt, dass das 1 : 0 auf seine Kappe geht, weil er in dieser Situation einen Tick zu spät zum Ball gegangen ist. Doch wenn Jens Lehmann behauptet, dass Neuer grundsätzlich Probleme bei solchen Bällen hat, dann ist das ganz einfach falsch und den Beweis des Gegenteils zeigt Neuer Woche für Woche auch in der Bundesliga!
Da gibts weiß Gott andere Dinge, die bei Manuel komisch aussehen. So hat er häufig die Arme sehr weit unten und sogar ein bißchen hinter dem Rücken. Wenn der Ball aus einer mittleren Distanz mit hohen Druck hoch oder aus kurzer Distanz mittelhoch kommt, dann ist der Weg der Arme noch oben länger, als wenn er die Arme bereits auf mittlere Höhe hätte. Wenn man jedoch an die Situation beim WM-Spiel gegen Frankreich denkt, wo er einen Arm trotzdem blitzschnell beim Schuß aus kurzer Distanz nach oben bekommt, das entscheidende Gegentor verhindert, dann es dies eine individuelle, besondere Fähigkeit, die man als TW-Trainer nicht korrigieren muß! Andererseits erreicht er durch diese Armstellung flache und mittelhoch geschossene Bälle besser, weil die Arme bereits unten sind.
Ich denke, der Vergleich von Lehmann`s zu Neuer`s aktiver Zeit hinkt ein klein wenig, weil zu Lehmann`s aktiver Zeit noch häufiger von der Eckfahne in den Strafraum geflankt wurde. Auch waren die Flanken noch mit mit der Härte getreten, sodass der Keeper etwas mehr Zeit hatte, um sich richtig zum Ball zu stellen.
Nicht jeder ehemalige Profi taugt zum guten Analytiker. Während Scholl durch seine klare Meinung zum Spiel und den Akteuren die Zuschauer in den Bann zieht, mögen Kahn`s philosophische Betrachtungen vielleicht zum nachdenken oder zum schmunzeln anregen. Aber Lehmann´s Darstellung, Manuel Neuer habe hier eine grundsätzliche Schwäche und müsse das noch üben, finde ich falsch.
Anhand der Szenenbeschreibung zum WM-Finaltor wird deutlich, wie fatal sich winzig kleine Ungenauigkeiten auswirken. Jeder hat sich über den WM-Sieg gefreut, aber kaum jemannd hat gesehen, dass dieser Sieg auf einen kleinen Torwartpatzer beruhte.
Dass ein Torwart hin und wieder ein Tor kassiert finde ich nicht weiter schlimm! Das er es dem gegnerischen Angreifer aber immer schwerer macht, ist viel wichtiger! Für die 10 - 15 schwierigen Torsituationen betreiben TW-Trainer und Keeper einen hohen Aufwand. Nicht umsonst ist der Keeper immer der Erste, der vor dem Spiel den Rasen betritt und meist der Letzte, der ihn verläßt! Die spätere Analyse dauert manchmal genauso lange, wie die der ganzen Mannschaft.
Ich finde deshalb diese "Kollegenschelte" sachlich nicht O.K. Da wäre m.E. eine schnelle Entschuldigung gut, denn jeder darf sich mal irren! Diese Größe traue ich Jens Lehmann durchaus zu!
