Deine Frage - soll ich nur die besten im Team fördern oder alle - taucht in sehr vielen Threads hier auf? Häufig wird bei der Beantwortung dieser Frage unterschieden, ob es sich um Breitensport- oder Leistungsfussball handelt. Beim Breitensport ist man sich fast einig, dass hier der Spaß am Fussball die höchste Priorität genießt. Beim Leistungsfussball ist man sich nicht einig, da ja die jeweilige Leistungsfähigkeit als Basis zur Mannschaftsaufstellung gesehen wird. Hier ist man teilweise der Meinung, dass die schwächeren Spieler sich im Training oder in Testspielen bewähren müßten, um sich einen Anspruch zum Einsatz von Punktspielen zu erwerben.
So habe ich vor einigen Jahren einige Projekte angeleiert, weil auch ich mir nicht sicher war, was trainierbar ist und wie weit die individuell kaum vorhersehbare mentale Entwicklung einen Einfluß hat. Denn reduziert man den Fussball aufs Wesentliche, so wird im Kopf entschieden, was mit dem Fuß gespielt wird. Dabei gab es ein paar erstaunliche Ergebnisse. So hat die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten mit einer Neigung zu sportlichen Aktivitäten einen günstigen Einfluß. D.h. Spieler mit hoher Intelligenz können in der Jugend mühelos mehrere Ligen überspringen, wenn ihre geistigen Fähigkeiten eine Basis dafür entwickeln. Bei bildungsfernen Schichten spielt hingegen die Zeit, die man mit seinem Hobby Fussball verbringt, eine große Rolle, weil die dabei gewonnenen Erkenntnisse etwas länger brauchen. Insgesamt hatte ich jedoch nach mehrjähriger Beobachtung das Gefühl, dass weitaus mehr trainerbar ist, als man geglaubt hat und Talentanlagen dabei nicht die große Rolle spielen, wie ich bisher angenommen hatte.
Bei einem neu gegründeten Jugendleistungszentrum habe ich mit den Verantwortlichen über diese Erkenntnisse diskutiert. Man ist dort nach den ersten Fehlschlägen mit zu großen Kadern zur Einsicht gelangt, dass nicht nur die Talente ihr Wort geben sollen, sich intensiv auf ihre Ausbildung zu konzentrieren, sondern auch das Zentrum allen geholten Talenten das Vertrauen ausspricht, jedem gleiche Entwicklungschancen durch in etwa gleiche Spielzeiten zu gewähren. Obwohl die Kader dadurch etwas kleiner werden mußten, weil man sich keine Spieler mehr für die Reservebank holte, ist man insgesamt sportlich erfolgreicher geworden. So hätte man es vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten, mit Spielern aus dem Verein und der näheren Umgebung in der A-Jugend-Bundesliga spielen zu dürfen. Das auch das kontinuierlich verbesserte Trainerpersonal eine Rolle dabei gespielt hat, läßt sich denken.
Vorläufiges Fazit: Ziel sollte es sein, möglichst viele Spieler für höchste Leistungsansrüche zu fördern, statt seine gesammte Energie an in frühen Jahren für besonders hoch talentiert gehandelte Talente zu verbrauchen. Dabei ist es keinen Widerspruch trotz einer anfänglichen Leistungsstreuung im Team allen Spielern die faire Chance zu geben, sich zu den Besten entwickeln zu können. Denn die Leistungsstreuung wird sich im Laufe der Jugend verändern. So liegt es am Trainergeschick, die auf den momentanen Zeitpunkt bezogenen relativen Fähigkeiten perspektivisch einzuschätzen. Dabei gilt es aus den eigenen Irrtümern zu lernen und keine voreiligen Schlüsse (negativ oder positiv) zu ziehen.
Mag man auch kein zuverlässiges Erfolgsrezpet haben, so hilft eine kontinuierliche und auf hohem Niveau stattfindende Ausbildung für alle Spieler die insgesamte Ausbildungszeit zu verkürzen.
Weil sich jedoch der Fussball ständig verändert, wäre es zu früh, aufgrund jüngster Erfahrungen dauerhafte Erkenntnisse abzuleiten. Denn fast immer kommt es anders als man denkt!
