@soccerbook
Wusste beim ersten Lesen nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Lachen deshalb, weil es immer wieder grotesk ist, wie "Außenstehende" über die Arbeit eines Trainers urteilen und werten. Weinen deshalb, weil ich an die Kinder denken muss, die so einen Trainer ertragen müssen.
Ich kenne persönlich einen F-ling, der genau so einen Trainer hat. Es gibt feste Positionen, es gibt die Stammspieler, es gibt die Wechselspieler, die selbst bei 5:0 zur Pause nicht mehr als 5 Min. spielen, es gibt die Verteidiger, welche nicht über die Mitte dürfen. Im Training werden Doppelpässe, Ecken und Einwürfe geübt. Beim Abschlussspiel spielen die Stammspieler zusammen, weil sie sich ja für das wichtige Punktspiel am Wochenende einspielen müssen. Der Torwart muss die Abstöße hoch und weit bringen. Die Verteidiger dürfen nicht dribbeln, weil zu gefährlich. Bei der Torschussübung vor dem Spiel hat der Trainer die meisten Ballkontakte. Während des Spiels gibt es pausenlos Ansagen wie: "Spiel ab", "Schieß", "bleib auf deiner Position", "Konzentriert euch".
Für den Trainer ist alles in Ordnung. Der Tabellenplatz ist schließlich gut. Also muss auch das Training gut sein...
Was sagen die Eltern? Dem Trainer gegenüber gar nichts. Nur untereinander regt sich die Kritik. Aber etwas dem Trainer sagen? Nein, dann könnte es ja sein, dass ihr Kind plötzlich aus der Stammformation fliegt. Also schön die Klappe halten oder jemanden Anderen finden, der den Mund aufmacht.
Wie reagieren die Kinder? Sie verhalten sich genauso, wie es von ihnen erwartet wird. Und verlieren die Lust...
Der Spielerpapa, der meint ich muss mehr Passspiel mit Doppelpässen einfordern oder das Verschieben üben soll, hat auch Recht.
Vor 2 Wochen hatte ich diese Situation erst wieder. Nach einem Spiel, bei dem meine Mannschaft wieder zig Chancen versiebt hatte, kam ein Vater auf mich zu und forderte genau das Zitat ein. Sein Kind hat in dieser Saison bislang genau 41,5% Trainingsbeteiligung. Grundsätzlich stellt sich daher schon einmal die Frage, ob er überhaupt einschätzen kann, was wir trainiert haben. Nichtsdestotrotz habe ich mich auf den Dialog eingelassen und versucht zu erklären, warum das Passspiel für mich in dieser Altersklasse nicht den Schwerpunkt ausmacht. Gegenargument war: die Anderen machen es aber und stehen vor uns in der Tabelle. Damit war für mich das Thema dann durch.
Um auf das Ausgangsthema Taktik bei der U 8 zurückzukommen:
Es gibt (und das zeigt auch die Diskussion hier) verschiedene Auffassungen und ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es DIE Lösung nicht gibt. Ein Beispiel dazu aus meiner kleinen Welt. Ich habe in meiner Truppe zwei 8-jährige, die spielen miteinander Doppelpässe in den Lauf des Mitspielers. Sie spielen Seitenverlagerungen, sie laufen Gegenspieler zu zweit an. Das machen sie von sich aus, ohne es jemals erklärt bekommen zu haben oder es bewusst geübt zu haben. Wenn ich ihnen sagen würde: spielt mal eine Seitenverlagerung, würden sie mich groß angucken, weil sie nicht wissen was das ist. Solche Kindern sind soweit, dass man mit ihnen auch gruppentaktische Dinge gemeinsam erarbeiten können. Genauso habe ich aber viele Kinder, die deutlich älter sind, bei denen z.B. Verteidigen zu zweit eine komplette Überforderung darstellen würde. Mit diesen Kindern trainiere ich auf einem Niveau, welches einer U8/U9 entspricht. Mit den beiden 8-jährigen hingegen klappen Übungen aus dem D-Juniorenbereich. Die ich jedoch i.d.R. nicht bringe, weil der größte Teil der Truppe noch nicht so weit ist.
Aufgrund dieser Erfahrungen schätze ich es als besonders wichtig ein, das Gespür dafür zu entwickeln, was genau die Kinder können und was noch nicht. Hierzu ist es aus meiner Sicht zwingend erforderlich zu wissen, was nach dem Stand der Lehre (z.B. DFB-Konzeption) in dem Alter "üblich" und "angemessen" ist und welche Stufen danach kommen. Es erfordert ein Stück Ehrlichkeit zu erkennen, wenn die Kinder noch nicht bereit für die nächste Stufe sind und auch ein dickes Fell, um sich gegenüber gewinndenkenden Eltern/Funktionären zu behaupten.