Wie schätzt ihr die aktuelle Lage der deutschen Nationalmannschaft und die Kritik am Nationaltrainer Joachim Löw ein?
Wo liegen eurer Meinung nach die Probleme (falls es welche gibt) und wie könnte man diese beheben?
Nachdem Löw nun erwartungsgemäß als Trainer bestätigt worden ist und Bierhoff heute seine Analyse vorgetragen hat, schildere ich einmal meine Meinung. Ich beschränke mich dabei auf den Einfluss, den Löw auf den Erfolg nehmen kann.
Ich halte Löw für einen Fußballfachmann, der einer Mannschaft eine taktische Ausrichtung beibringen kann. Dabei ist er auf der Suche nach spielerischer Perfektion und Dominanz
-> Entwicklungstrainer
Allerdings verläuft er sich meiner Meinung nach dabei, da keine taktische Ausrichtung automatisch Erfolg beschert.
Ich halte ihn für keinen „Turniererfolgstrainer“. Auch an der beliebten Stammtischaussage, Hansi Flick sei Vater des WM-Triumphs 2014, ist zumindest etwas Wahres dran - dazu unten mehr.
Turniere - vor allem einzelne Duelle auf Augenhöhe - werden durch Kleinigkeiten entschieden. Und Deutschland hat aktuell bei einem dieser Faktoren eine immense Schwäche. Zuerst will ich die Bedeutung statistisch untermauern:
WM: Seit 1954 - von vorherigen Turnieren habe ich kein „auswertbares“ Bildmaterial einsehen können - waren Standardsituationen in 12 Finalspielen mitentscheidend.
EM: 8/15 Mal hatten ruhende Bälle Finalresultate beeinflusst.
CL: In der Königsklasse des europäischen Fußballs waren sie in 17/28 Finalpartien mitentscheidend.
Die sonstigen KO-Spiele lasse ich jetzt einmal außen vor. Wer selbst Interesse hat, kann sich ja Highlights ansehen.
Löw ist kein Freund von einstudierten, ruhenden Bällen und deren Training.
Während der EM 2008 wettete er sogar mit Flick, dass Deutschland kein Standardtor im Turnier erzielen würde. Gegen Portugal (3:2), als Löw gesperrt war und von Flick vertreten wurde, erzielten sie sogar zwei und der Co-Trainer bekam Rotwein von Löw geschenkt.
Vor der WM 2014 setzte sich Flick stark dafür ein, dass ruhende Bälle trainiert werden, und es sollte sich auszahlen:
Beim Finalerfolg hatten Standardsituation zwar keinen Einfluss genommen, dafür war das gegen Portugal (1:0 und 2:0), Ghana (2:2), USA (1:0), Frankreich (1:0) und Brasilien (1:0 - über das 2:0 nach einem schnell ausgeführten Einwurf kann man diskutieren) der Fall.
Löw war nach eigener Aussage in den Folgejahren mehr damit beschäftigt, den „dominantesten“ Fußball einzuüben.
In 9 von 11 Spielen, die seit 2016 verloren worden sind, hat die Nationalmannschaft mindestens ein Tor aus einem ruhenden Ball erhalten. Wenn man erfolgreich sein will, darf man sich das nicht erlauben.
Auch das Debakel gegen Spanien wurde durch Gegentore nach Eckbällen ermöglicht. Bis zum 1:0 war Spanien sicherlich leicht überlegen, allerdings hatte auch Deutschland zwei aussichtsreiche Ansätze. Löw nahm hier das Missmatch durch seine Aufstellung und taktischen Anweisungen bewusst in Kauf:
Raumdeckung + Manndeckung von Ramos durch Koch führte zur Unterlegenheit im Kopfballspiel
Und genau diese Schwäche - auch offensiv - ist der Grund, warum ich nicht auf das Sturmtrio Gnabry, Sane und Werner setzen würde.
Zur Führungsspielerdebatte:
Nach dem Doppelschlag zum 3:0 zeigte sich, wie fragil die Nationalmannschaft aktuell ist. Auch andere Teams mit starken Persönlichkeiten gerieten schon unter die Räder, da Selbstzweifel einen enormen Einfluss auf die eigene Leistung und das eigene Auftreten haben.
Ein weiterer Grund, warum man Löw berechtigterweise kritisieren kann, ist, dass er die Schwächen seiner Spieler zu wenig in seinen Matchplan miteinbezieht. Gegen Spanien sollte der Zugriff im Mittelfeld erfolgen, was wiederum nicht die Stärke von Kroos und Gündogan ist.
Als weiteres Beispiel hierfür dient die
EM 2012: Kroos sollte Pirlo in die Manndeckung nehmen. Ich glaube, jeder von uns ist der Meinung, dass dies nicht gerade zu den Stärken von Kroos zählt.
Auch seine Verwaltungsstrategie von (knappen) Führungen ist zu hinterfragen, da dafür aktuell ein klassischer Stoßstürmer, der Bälle zur Entlastung halten kann, fehlt.
Zu den Lösungsansätzen:
- Havertz im Sturmzentrum als Versuch -> bereits in Leverkusen unter Bosz durchaus erfolgreich
- Gnabry und Werner auf den Flügelpositionen in engen Duellen, da mannschaftsdienlicher als Sane
- Bayern-Block im MF (Kimmich, Goretzka und Müller): Müller und Goretzka besetzen die Box, wenn Havertz ausweichen sollte
- Klostermann, Hummels, Ginter, Halstenberg als Verteidigungsreihe
Neuer
Grundsätzliche taktische Ausrichtung nach bayrischem Vorbild.
Vielleicht hat ja noch jemand Anregungen zum Thema.
