Hallo Tom,
ich habe lange überlegt, ob ich antworten soll - bin eigentlich eher stiller Beobachter hier (was im Sinne der Gemeinschaft auch nicht korrekt ist, aber da habe ich immer noch große innere Schweinehunde). Aber ich hatte heute im Training ein Erlebnis, das exakt Deinen Erfahrungen gleicht, also seis drum.
Was ich hier heraushöre ist, dass da ein Kind mit ganz massiven Problemen in Deiner Mannschaft ist. Es kam ja schon raus, dass die Mutter alleinerziehend ist. Einige Kommentare, dass hier wahrscheinlich die konsequente Erziehung fehlt, Regeln, etc. gab es auch schon.
Mach Dir bitte eines klar: Du hast vermutlich ein Kind in Deiner Mannschaft, welches in einer Phase seines Lebens, in dem sich das Urvertrauen eines Menschen bildet, eine tiefgreifende Störung erfahren hat.Wo sich kleine Kinder an der Geborgenheit des Elternhauses orientieren ist hier etwas auseinander gebrochen. Andere Kinder erleben in dieser Zeit eine vertrauenseinflößende Umgebung, die ihnen vermittelt, als sie selbst in der Welt akzeptiert zu sein, dieser Junge hat dort wohl - bildlich gesprochen - in der Wüste gestanden und muss überhaupt erst mal um sein Selbstverständnis kämpfen: wer bin ich, dass mein Eltern auseinander gehen, warum ist mein Papa nicht mehr dabei, etc.
Das verursacht tiefgreifende Störungen und dann auch Verhaltensweisen, die wir als außenstehende nicht mehr nachvollziehen können: totale Verweigerung gegen jedes Gespräch, schon fast manische Selbstvorwürfen, etc. - da kommst Du dann auch in solchen Situationen überhaupt nicht mehr an das Kind ran und das kann Dich dann auch wahnsinnig machen, wenn Du es zu verstehen versuchts. In dem Moment ist da m.E. nichts mehr mit Verstehen, das gibt es für mich nur noch das Bild des Kindes, das mit der ganzen Kraft seines Willens eine Mauer um sich aufbaut (Pink Floyd lässt grüßen).
Bitte verstehe mich nicht falsch, nicht jedes Kind aus Trennungsfamilien ist so "belastet", aber es kann je nach Zeitpunkt und auch Umstände mehr oder weniger gravierend ausfallen - vor allem, wenn es in einer prägenden Phase des Kindes passiert und dann ein vollkommen überforderter Elternteil alleine da steht.
Was weißt Du über die Umstände: hat das Kind noch Kontakt zu seinem Vater, ist das Verhältnis zwischen Mutter und Vater im Sinne des Kindes OK oder spielen sie sich ggf. gegeneinander aus?
Meine ganz persönlichen Tipps - ich habe nicht viele, stehe ja selber vor dem Probem:
1) GANZ WICHTIG: Kenne Deine Grenzen! Du hast den Job übernommen, eine Kinderfußballmannschat zu Trainieren und ich sage besser zu Betreuen. Damit musst Du natürlich auf die Einzelheiten deiner Eigensinnigen, Wehleidigen, Motivierenden, Phlepmatischen, etc. eingehen, daran arbeiten die Stärken herauszuarbeiten, etc. ABER: Du bist kein ausgebildeter Pädagoge bzw. Psychotherapeut und darfst Dir auf keinen Fall zumuten, die Probleme des Kindes im Rahmen Deines Mannschaftstrainings zu lösen!
2) und achte bitte auch darauf, wie Du als MANN da ankommst: wie gesagt, alleinerziehende Mutter, die Vaterrolle fehlt evtl. vollkommen (obwohl ich das so natürlich nicht beurteilen kann): grenze Dich als Trainer bitte ganz deutlich ab: Du tröstest Ihn (und die anderen Kinder) z.B. bei Niederlagen als Trainer uns sonst NIX - alles andere ist Highway to hell!
3) Du willst die Mannschaft bilden und jedes einzelne Kind fördern. Du hast vermutlich in Deiner Mannschaft Eigensinnige, Wehleidige, Motivierende, Phlegmatische, etc. Auf jeden gehts Du so oder so ein. Aber Dein Engagement für das "besondere" Kind darf sich nicht von dem für andere Kinder unterscheiden - damit treibst Du den Jungen nur die Isolaton.
Also, wie auf die besondere Situation und den Jungen eingehen?
Versuche mal, mit der Mutter zu reden: geht er gerne in das Training, erzählt er was davon, lässt er daheim anklingen, dass er eh zu schlecht ist, etc.
Ich denke, ein wesentlicher Schlüssel ist, dem Kind auch über die Bezugsperson (=Mutter) zu vermitteln, dass er in der Mannschaft akzeptiert ist.
Darüber hinaus habe in Training und Spiel ein Auge auf ihn - bestärke ihn ehrlich (so, dass er es fühlt, wenn Du es ehrlich meinst) auch für kleine Dinge: ein guter Schuss, eine gute Explosion nach einer Finte, einfach die Kleinigkeiten, die Kinder allgemein aber vorbelastet insbesondere brauchen - aber immer nur ehrlich!
Ich weiss, das war jetzt keine gute Hilfe im Sinne einer Handlungsanleitung aber vielleicht hilft es Dir ein wenig.
Das zeigt auf jeden Fall, dass wir gerade als Kinderfussballtrainer uns viel mehr Gedanken um die Kinder an sich machen müssen und nicht einfach nur die optimale Ausbildung oder was auch immer im Kopf haben sollten.
Gruß,
Sebi
P.S.: das möchte ich noch anmerken: und auch wenn der Junge wie o.g. "ein Fall für den Kinderpsychologen" ist, dann ist er immer noch ein Kind, das seine normale Umgebung braucht, um sich zu entwickeln, und da gehört seine Fussballmanschaft dazu.
