“Taktik vorzeitig vermittelt – oder: Warum Kinder vieles von selbst lernen”
Meine These: Wir überfordern junge Spieler:innen oft mit taktischen Konzepten, bevor sie entwicklungspsychologisch bereit dafür sind. Statt Passspiel in der F-Jugend oder Raumdeckung in der D-Jugend zu drillen, sollten wir geduldig den natürlichen Lernprozess abwarten. Studien zeigen, dass Kinder motorische und kognitive Fähigkeiten in ihrem eigenen Tempo entwickeln – ähnlich wie beim „Sauberwerden“: Kein Kind lernt es durch ständiges Ermahnen, sondern wenn sein Gehirn und Körper bereit sind.
Beispiel aus dem Fußball: Ein 8-jähriger, der heute nicht „richtig“ passt, wird mit 10 oder 12 Jahren plötzlich intuitiv die richtigen Entscheidungen treffen – ohne dass wir es ihm vorher einbläuen mussten. Unsere Ungeduld als Trainer:innen führt oft dazu, dass wir Spielfreude durch Struktur ersetzen, bevor die Kinder die Grundlagen verinnerlicht haben.
Ein konkretes Beispiel aus meiner letzten Saison: Bei einer U14 im leistungsorientierten Bereich (3x Training/Woche, 90% Montags-Stützpunkt) haben wir wochenlang an guten Läufen hinter die Abwehrkette gearbeitet: Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege. Doch in freien Spielformen oder im Spiel selbst klappte es einfach nicht. Während dieser frustrierenden Phase hatten unsere Stürmer sogar oft keine Lust mehr, ganz vorne zu spielen, weil sie unsere Anforderungen nicht umsetzen konnten. Doch Mitte der Rückrunde – plötzlich war es da. Ein Stürmer machte den ersten Lauf, die Woche darauf der zweite, dann der dritte, und plötzlich funktionierte es im gesamten Team. Man könnte sagen: „Ja, weil wir konsequent dran geblieben sind.“ Doch mein Eindruck ist: Es war entwicklungspsychologisch soweit. Der natürliche Lernprozess setzte ein – und erst dann konnte der Input aus dem Training wirken. Und das Schönste: Als es klappte, waren die Jungs wieder begeistert, hatten Freude am Spiel und Lust, im Training an Details zu arbeiten.
Frage an euch: Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wann habt ihr gemerkt, dass bestimmte Konzepte „von selbst“ kamen – und wann war frühe Vermittlung tatsächlich sinnvoll?
Kann man es schaffen, im Training immer das Thema zu bedienen, zu dem das "Lernfenster" besonders offen steht? Dazu müssten man einen Schritt weg von einer Jahresplanung und viel mehr in die Mannschaft reinhören, oder? Ich bin gespannt, was Ihr denkt.
