Mein Sohn spielt seit 4 Jahren bei einem sog. "Leistungs- und Traditionsverein", momentan in der C-Jugend Regionalliga. Er ist spät geboren und kam dazu auch noch 4 Wochen zu früh auf die Welt. Er ist momentan 1,66 m groß und wiegt 44 kg und ist damit den meisten seiner Mannschaftskameraden körperlich unterlegen. In seiner Schulklasse (9. Klasse G8 Gymnasium) fällt er größenmäßig gar nicht so aus dem Rahmen, aber im Fußball ist das ganz anders. Wir spielen meistens gegen Mannschaften, in deren Reihen Spieler mit über 1,80 m und teilweise 70 - 90 kg sind. Man hat den Eindruck, dass sich alle "Riesen" in Fußballmannschaften sammeln. Wir hatten in den ersten beiden Jahren in diesem Verein einen hauptamtlichen Jugendkoordinator, einen Fußballlehrer, der nur auf Technik, Können und Wollen gesetzt hat. Wir hatten überdurchschnittlich viele "Kleine" in allen Mannschaften, was allerdings bei den kleineren Vereinen in der Umgebung oft belächelt wurde, obwohl der Verein im Jugendbereich große Erfolge hatte, auch gegen Bundesligisten. Nachdem vor 2 Jahren die Jugendleitung wechselte und damit auch alle Trainer, hat sich das grundlegend geändert. Das heißt, es wurde vorwiegend auf Größe und Kraft gesetzt. Ein beliebter Spruch beim Scouting war damals: Der ist gut, der ist groß und kräftig. Für meinen Sohn bedeutete dies, dass er - früher einer der Leistungsträger der Mannschaft und hochgelobtes Talent - plötzlich auf die Bank degradiert wurde. Spielen tun die, die zwar groß sind, aber oft noch nicht einmal einen Pass über 5 m spielen können, die aber fähig sind, einen kleineren auch einfach mal wegzuschubsen. Leider stoßen diejenigen, wenn sie einmal gegen einen größeren oder auch gleichgroßen Spieler spielen müssen, oft an ihre Grenzen. Auf dem Stützpunkt hatten wir einen Trainer, der auf Können geachtet hat und nicht auf Größe. Dort gab es gemischt Kleine und Große. Auf Verbandsebene war und ist das dann aber schon anders. Im letzten Stützpunktjahr durften z.B. nur die Großen den Leistungstest machen, alle (!) Kleinen wurden nicht eingeladen, obwohl sie in den letzten Tests sehr gute Ergebnisse hatten und ja auch Teil des Stützpunktes waren. Ich denke, das war eine Vorgabe des Stützpunktkoordinators, der - in der Verbandsauswahlmannschaft erkennbar - auch ein Faible für die Großen und Kräftigen hat.
Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, was das für einen Jungen in der Pubertät bedeutet, immer wieder wegen seiner Größe und Kraft zurückgestellt zu werden. Die Nichtachtung durch den Trainer bedingt auch eine Herabsetzung durch die größeren Mannschaftsmitglieder gegenüber den Kleineren. Lediglich ein Großer, der aber auch richtig gut Fußballspielen kann, verhält sich noch normal.
Unser Trainer wird noch ein Jahr bleiben. Also noch ein Jahr Banksitzen. Mein Sohn will unbedingt in diesem Verein bleiben. Er hatte Einladungen zu Probetrainings bei einem anderen Regionalligisten und bei einem Drittligisten, aber nachdem er sich die Mannschaftsfotos angeschaut hatte, wollte er nicht mehr hin: "Da sind nur Große, da darf ich sowieso nicht spielen".
Zu sagen ist noch, dass mein Sohn technisch sehr gut ist, er macht wöchentlich noch ein Zusatztraining mit 3 Spielern anderer Vereine, bei einem Fußballlehrer. Er ist immer im Mannschaftstraining, auch wenn am anderen Tag eine Klassenarbeit geschrieben wird und wir eine weite Anfahrt haben. Spielen tun dann aber andere, auch wenn sie die ganze Woche nicht im Training waren.
Die letzte Beurteilung, die wir von unserem damaligen Jugendkoordinator bekamen, war: Ein genialer kreativer offensiver Mittelfeldspieler mit außergewöhnlichen Ideen. Und jetzt verliert er immer mehr an Selbstbewusstsein, was man - da muss ich auch ehrlich sein - allmählich seiner Spielweise anmerkt, wenn er dann mal für 10 -15 Minuten spielen darf. Er ist einfach nicht mehr mutig und sein Spielwitz geht immer mehr verloren. Jetzt werden viele von euch sagen, dann fehlt im sein Durchhaltevermögen und "ein wahres Talent setzt sich immer durch." Aber versetzt euch mal in seine Lage. Es kommt jetzt das 3. Jahr, indem er durch seine Physis so benachteiligt wird. Ich glaube, über so einen langen Zeitraum würde jeder sein Selbstbewusstsein verlieren.
Er wird nicht klein bleiben. Sein Bruder ist 1,83 m groß, auch mein Mann ist über 1,80m groß und ich 1,68m. Mein Sohn hatte sich vor einem halben Jahr im Training den Arm gebrochen, beim Röntgen wurde dann festgestellt, dass seine Wachstumsfugen noch total offen sind. Er ist auch noch nicht in der Pubertät und folglich fehlt natürlich auch das Breitenwachstum der Muskeln und nicht zu vergessen - der Testosteron-Einschuss.