Beiträge von zirkel

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    Hallo liebe Trainergemeinde,


    habe mir nun lange überlegt ob ich mich zu der letztjährigen Diskussion äußern soll (den sogenannten Senf dazubeisteure) oder eben nicht. Letztendlich ist es ein gewisses Maß an Mitleid das mich dazu veranlasst ein paar Zeilen zu schreiben um zu dokumentieren, dass es definitiv kein Witz sein kan, im ach so defizitären Amateurfussball einen bezahlten Übungsleiter im Herrenbereich zu haben.


    Kurz zu meiner Person: Ich selbst bin 26 Jahre alt, habe meinen Heimatverein in der C-Jugend verlassen und mich einem vermeintlich größeren Verein in der Umgebung angeschlossen. Die "Ausbildung" funktionierte gut und ich hatte wie viele Kinder in meinem Alter den Traum Profi zu werden. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch aufgrund mangelnder Disziplin meinerseits. Das "Weggehen" mit Freunden, die erste Freundin usw. waren schliesslich die Gründe dafür, dass es als Herrenfussballer nur für die Oberliga Bayern (5.Liga) gereicht hat. Mein Heimatverein, zu dem ich mittlerweile als Spieler zurückgekehrt bin, hatte in meinem Jahrgang und den drei darauffolgenden Jahrgängen eine verhältnismäßig hohe Anzahl an talentierten Kickern. All diese blieben ihre komplette Jugendzeit bei eben diesem Verein.


    Um meine Ausführungen besser verstehen zu können, nun kurz was zur Ligenstruktur im Herrenbereich in Bayern. Ab der Saison 2012/13 sieht diese wie folgt aus:


    4. Liga: Regionalliga Bayern 5. Liga zweigeteilte Bayernliga 6.Liga fünfgeteilte Landesliga 7. Liga Bezirksliga 8. Liga Kreisliga 9. Liga Kreisklasse 10. Liga A-Klasse 11. Liga B-Klasse


    Die Herrenmannschaft meines Heimatvereins spielte vor 8 Jahren in der A-Klasse als die ersten meiner damaligen Jugendkollegen in die Aktivität wechselten. Im zweiten Jahr gelang der Aufstieg in die Kreisklasse, zwei Jahre später (auch aufgrund der nun großen Anzahl an einheimischen "guten" Fussballern) gar der Sprung in die Kreisliga. Im Verein war man sich einig, dass dieser Spielerpool sportlich gesehen zu durchaus mehr in der Lage sei. Selbst der damalige Trainer sprach mit den Verantwortlichen und bat darum, die Philosophie (unbezahlte, einheimische Spieler) weiterzuführen. Er sprach sich dafür aus, einen lizenzierten Trainer "zu holen", der die Jungs im technisch-taktischen Bereich weiter fördern sollte. Man führte Gespräche und traf eine Auswahl. Der "Neue" hatte gerade frisch seine C-Lizenz erworben und begann voller Tatendrang mit der jungen Mannschaft zu arbeiten. Nach einem halben Jahr Tätigkeit, stellte er auf Raumdeckung um, die Jungs hatten unbändigen Spaß an der Sache und erzählen heute noch von diesem einschneidenen Erlebnis. Nach zwei Jahren Kreisliga, setzte man sich das Ziel "Bezirksligaaufstieg". Der Trainer erlangte seine B-Lizenz und mit dem damals sehr neuen 4-2-3-1 (Deutschland war gerade mit diesem System U-21 Weltmeister geworden und bis auf ein paar wenige englische Profiteams spielte es noch keine Mannschaft) wurde das Ziel erreicht. Das ganze Dorf (4.500 Einwohner) war sehr stolz auf seine 1. Herrenmannschaft. Im ersten Jahr Bezirksliga stieß ich nun zu dieser eingeschworenen Einheit dazu. Zunächst hatte ich Bedenken, dass es mit der "Wiedereingliederung" Probleme geben könnte (naja jetzt wo eine einigermaßen ansprechende Amateurliga erreicht ist, kommt er wieder), aber die waren aufgrund der Zusammensetzung dieses Teams völlig unbegründet und man nahm mich mit offenen Armen wieder in der Runde auf. Nun nach 1 1/2 Jahren Bezirksliga macht sich dieser Dorfverein auf in die Landesliga aufzusteigen. Nach wie vor bekommt kein Spieler Geld (lediglich ein warmes Essen nach Heimspielen) und der Charakter dieser Truppe ist überragend. Wir haben drei bis vier Fußballer dabei, die jedes Jahr "Angebote" eines Viertligisten ausschlagen, da sie der Meinung sind ihre sportliche Heimat nicht verlassen zu können.


    Ich selbst habe letztes Jahr begonnen meine C-Lizenz zu machen, werde diese im Sommer 2012 hoffentlich mit einer bestandenen Prüfung abschliessen und habe vor im Anschluß die B-Lizenz zu absolvieren. DENN der angesprochene Trainer gab mir durch sein Wirken und Tun, den Mut diese Sache anzugehen.


    Eben dieser Trainer ist es nun seit zwei Jahren ebenfalls, der die Verantwortlichen des Vereins darauf aufmerksam macht, dass es keinen anderen Weg in der heutigen Zeit gibt, als Herrenspieler nach Oberhaching zu schicken um die C-Lizenz zu erwerben und sie dann im Anschluss im Jugendbereich als Trainer zu installieren. Die Ausbildungskosten werden komplett vom Verein getragen. Bisher konnte sich jedoch leider noch keiner meiner Mannschaftskameraden dazu "breitschlagen" lassen diesen Weg mitzugehen. 5 von ihnen sind zwar im Jugendbereich tätig, aber eben ohne die Ausbildung.


    Dem Verein ist es absolut klar, dass er mit der beschriebenen Philosophie (einheimische unbezahlte Spieler) die Landesliga nicht länger als zwei bis drei Jahre (wenn überhaupt) halten kann, jedoch ist man mit dem Erreichten sehr zufrieden und unbändig stolz darauf dass man es geschafft hat, diese Spieler über ein Jahrzehnt an den Verein zu binden. Was die letzten Jahre fussballerisch geboten wurde und immer noch wird ist aller Ehren wert.


    Nun zum angesprochenen Trainer: Er verdient seit er begonnen hat 575,- € monatlich und hat selbst bei der letzten "Verlängerung" seines Engagements keinen Cent mehr verlangt. Jetzt erzählt mir mal bitte nicht dass das zu viel ist.


    Ich bin stolz Teil dieser Amateurmannschaft zu sein. Wir spielen taktisch klugen, und technisch sehr feinen (seit 5 Jahren wird in allen Trainingsformen nahezu ausschliesslich mit 2 Kontakten gespielt) Fußball. Ist es nicht doch ein bisschen der Neid oder vielleicht auch pure Anmaßung die jemanden zu folgendem Zitat verleiten...


    "Alles unter 3. Liga ist ein Witz"?



    Gruß


    zirkel