Liebe Fussballfreunde und ganz besonders Eltern von Talenten,
sobald das Kind ein neues Hobby gefunden hat, fühlen sich viele Eltern berufen danach zu schauen, ob es "den Ball häufiger und besser trifft" als die anderen Sportskameraden! Und beim ersten leisen Gefühl, der Sprößling könnte besonderes leisten wird bereits der Talentbegriff bemüht. Zum Ende der F-Jugend-Zeit kommt es dann meist zur ersten "Sichtung" der Kinder, die eine zeitlang auf die Stützpunkt-Auswahl vorbereitet werden. Danach folgt dann beim "Tag des Talents" eine weitere Sichtung und schließlich eine Endsichtung für den DFB-Stützpunkt. Die "besten 8 Spieler" werden dann im Winter zur Landes-Hallenmeisterschaft eingeladen. Hieraus wird dann eine erste Vorauswahl für die Verbandsauswahl getroffen. Einige Zeit später gibt es dann in Duisburg den Ländervergleich. Hier sitzt zum einen der DFB-Nachwuchstrainerstab und zum anderen Scouts aus den Bundesligen.
Bei den Mädchen läuft es ähnlich. Aufgrund der geringeren Leistungsdichte trainieren sie aber zunächst gemeinsam mit den Jungen. Danach gibt es eine Förderung für die Kreisauswahl. Die "Besten" qualifizieren sich dann für die Teilbereichsauswahl, Bereichsauswahl und schließlich für die Verbandsauswahl. Auch hier gibts den Ländervergleich in Duisburg, wo die Experten aus dem obersten Leistungssegment ihre Auswahl treffen.
Üblicherweise redet man von Talent, wenn ein Kind bereits über Fähigkeiten verfügt, die andere Kinder erst später besitzen. Von einer statischen Talentmessung spricht man, wenn zum Zeitpunkt X eine Messung von Talentfähigkeiten stattfindet, von einer dynamischen Messung, wenn über einen gewissen Zeitraum der Fortschritt der Fähigkeiten gemessen wird.
OTTO hat mit seinen Ausführungen sehr gut beschrieben, was für die Eltern und Kinder an Zeiten und Entfernungen zumutbar ist.
Soweit zum System, was regional auch etwas anders ablaufen kann, bzw. im Einzelfall auch andere Wege nehmen kann.
Wenn man das ganze Selektionssystem mit Leben füllt, dann gibts nahezu in jeder Phase Sichtungs- wie auch Förderprobleme. So erfolgt die Zusammenstellung der förderungswürdigen Kinder immer auf Basis einer Mannschaftsstärke (weil Fussball ja eine Mannschaftssportart ist). Das Problem ist jedoch, das es in jedem Jahrgang 2 - 3 herausragende Spieler gibt. Den großen Rest findet man auch auf anderen Fussballplätzen. Weil aber das deutsche Förderprinzip so gestaltet ist, das man ja kein Talent übersehen möchte und man auch weiß, das sich bei der weiteren Entwicklung auch andere Spieler aus dem sportlichen Schattendasein emphorsteigen können, ist es eine Realität, mit der wir leben müssen. Je jünger ein Talent ist, je geringer ist eine Prognose möglich.
Aufgrund der vielen Selektionsphasen läßt sich denken, das auf dem Weg dorthin viele vermeintliche Talente auf der Strecke bleiben. An dieser Stelle zu formulieren, es würde alles lauter oder unlauter ablaufen, würde des Pudelskern nicht treffen. Gerecht läuft die Auswahl fast immer, wenn die Sichter keine weiteren Interessen als die der Talentförderung im Sinn haben. Eigene Selektionsmaßstäbe gibt es jedoch, wenn das Entscheideramt mit einem Vereinsbonus verquickt ist. Gemeint ist: die Teilnahme an weiteren und höheren Auswahlteams ist mit einem Vereinswechsel verbunden.
Zwar durfte ich den Weg einiger Talente eine zeitlang begleiten, von denen manche später in den Profibereich wechselten. Mir ist allerdings kein Fall bekannt, in der ein Talent dies ohne einen Vereinswechsel geschafft hätte. Weil der Druck zunimmt findet auch bei den "Verweigerern" eine Talentverschwendung statt, für die sich niemand verantwortlich fühlt. Die Frage, ob es das auch ohne Wechsel geschafft hätte, ist dabei von geringerer Bedeutung. Weitaus mehr interessiert die Frage, ob das Talent von den Verantwortlichen auch für die Landesauswahl oder Nationalmannschaft nominiert worden wäre, wenn es darauf bestanden hätte, weiterhin mit seinen Freunden im Dorfverein zu kicken, weil es erst nach der Jugendzeit eine Berufswahl treffen wollte! Wer sich mit Talentarbeit auseinandersetzt, kommt am Thema Berufswahl nicht vorbei! In keinem anderen Beruf wird eine so frühzeitige "Schmalspur-Ausrichtung" verlangt, wie beim Leistungssport und aufgrund seiner Medienpräsenz insbesondere dem Fussball!
Deshalb möchte ich die Eltern, eindringlich davor warnen, nicht "Schwarzen Schafen", die es leider auch im Fussball reichlich gibt, auf den Leim zu gehen.
Immer dann, wenn angeblich die Zeit zur Entscheidung drängt, sollte man besonders vorsichtig sein! Einen Königsweg gibt es leider nicht, so das sich jeder Fall nur individuell entscheiden läßt.
Heutzutage findet meist ein Streit um die Talente über den Köpfen der Kinder und Eltern zwischen Heimat- und zukünftigen Verein statt. Jeder hat das Beste fürs Talent im Sinn. Leider geht es beim Austausch von allerlei Argumenten doch nur ums Erreichen der sportlichen Ziele im Verein.
Talentförderung sollte sich jedoch über den gesamten Jugendzeitraum verantwortlich fühlen! Eine Förderentscheidung sollte deshab auch eine langfristige Entscheidung mit einem "guten Gewissen" sein. Das kann sie nach den heutigen Intransparenz für Eltern und Kind nicht!
Für mich wäre es eine weiteres Merkmal für KIFU, wenn man neutrale Stellen einrichten würde, in denen unabhängig von Vereinsinteressen sportliche Talentprognosen abgegeben werden. Diese Stellen sollten dann auch gemeinsam mit den Eltern eine Talentberatung vornehmen, in dem sie die unterschiedlchen Möglichkeiten aufzeigen. Die Verbände und der DFB könnten dies sicherlich leisten, wenn es ihnen gelänge mit einem zusätzlichen Budget mehr Fachkräfte einzustellen, die dann aber keine weiteren Aufgaben im Verein übernehmen und deshalb von ihren Entscheidungen unabhängig wären. Das ist wichtig, dennn auch die Kinder können es sich nicht immer aussuchen und müssen eine Wahl haben!